{"id":114,"date":"2026-06-14T12:34:00","date_gmt":"2026-06-14T12:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oekumene-gaissau.at\/?p=320"},"modified":"2026-06-30T14:22:34","modified_gmt":"2026-06-30T14:22:34","slug":"was-ist-oekumene-eine-erklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tischundwort.cc\/index.php\/2026\/06\/14\/was-ist-oekumene-eine-erklaerung\/","title":{"rendered":"Was ist \u00d6kumene \u2013 eine Erkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Etymologie und Bedeutungswandel<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Das Wort\u00a0<\/span><strong>\u00d6kumene<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0leitet sich vom griechischen\u00a0<\/span><em>oikos<\/em><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0(Haus) ab und bezeichnete urspr\u00fcnglich \u201edie ganze von Menschen bewohnte Welt&#8220; bzw. die gesamte Menschheit (Herodot, 5. Jh. v. Chr.). Ab dem 4. Jh. v. Chr. verengte sich der Begriff auf die hellenisierte Welt und wurde dann im R\u00f6mischen Reich als politischer Begriff f\u00fcr das gesamte Imperium verwendet. Im Neuen Testament erscheint er sowohl im Sinne der gesamten Menschheit (Apg 17,31) als auch der zuk\u00fcnftigen Welt Gottes (Hebr 2,5). In der fr\u00fchen Kirche bezeichnete \u201e\u00f6kumenisch&#8220; die Kirche im ganzen Weltkreis (daher: \u201e\u00f6kumenisches Konzil&#8220;). Erst Ende des 17. \/ Anfang des 18. Jahrhunderts entstand \u2013 ausgehend vom Pietismus \u2013 die heute gel\u00e4ufige Bedeutung: die Einheit aller in der Taufe Wiedergeborenen und das Verh\u00e4ltnis der Kirchen zueinander.<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Neuzeitliche Definitionen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Im 20. Jahrhundert setzte sich \u00d6kumene zunehmend im Sinne der\u00a0<\/span><strong>Einigung der Christenheit<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0durch. Das Zentralkomitee der \u00f6kumenischen Bewegung formulierte 1951:<\/span><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">\u00d6kumene beschreibt alles, was sich auf die gesamte Aufgabe der ganzen Kirche bezieht, das Evangelium der ganzen Welt zu bringen.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Eine engere, f\u00fcr den westlichen Kontext relevante Arbeitsdefinition lautet (nach Visser):<\/span><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00d6kumene ist das Streben auf nationaler und internationaler Ebene, die konfessionellen Trennungen zu \u00fcberwinden, damit die Christen zu einem gemeinschaftlichen Bekennen und Erfahren des Glaubens kommen.<\/strong>n<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Kleine und gro\u00dfe \u00d6kumene<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">In j\u00fcngerer Zeit hat sich eine Unterscheidung etabliert:<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kleine \u00d6kumene<\/strong>&nbsp;\u2013 Zusammenarbeit und Einigung der christlichen Konfessionen untereinander.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Gro\u00dfe \u00d6kumene<\/strong>&nbsp;\u2013 Dialog mit den nichtchristlichen Weltreligionen, insbesondere:\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Abrahamitische \u00d6kumene<\/em>: Verst\u00e4ndigung zwischen Judentum, Christentum und Islam.<\/li>\n\n\n\n<li>Suche nach einem gemeinsamen&nbsp;<strong>\u201eWeltethos&#8220;<\/strong>&nbsp;(Hans K\u00fcng) als ethischem Minimalkonsens f\u00fcr das \u00dcberleben der Menschheit.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">A<span style=\"font-size: revert;\">u\u00dferdem wird \u2013 im R\u00fcckgriff auf den Wortstamm (<\/span><em>oikos<\/em><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0= Haus) \u2013 \u00d6kumene als\u00a0<\/span><strong>\u201eHaushalt Gottes&#8220;<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0verstanden, der \u00d6kologie und \u00d6konomie einschlie\u00dft: Die \u00f6kumenische Bewegung ist aufgefordert, f\u00fcr die Bewohnbarkeit der Erde einzutreten (Konrad Raiser).<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Ziel der \u00d6kumene: Communio statt Einheitskonfession<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Das Ziel der \u00d6kumene ist\u00a0<\/span><strong>nicht<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0die Schaffung einer uniformen Einheitskonfession oder Einheitsreligion \u2013 dies w\u00fcrde unweigerlich zu Vereinnahmungen f\u00fchren. Vielmehr geht es darum, die anderen in ihrer Andersheit anzuerkennen. Die \u00f6kumenische Grund\u00fcberzeugung lautet:<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p><strong>\u201eNicht die Einheit bedarf der Rechtfertigung, sondern die Trennung.&#8220;<\/strong>\u00a0<em>(nach Joh 17,21)<\/em><\/p><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Das heute angestrebte Modell ist eine\u00a0<\/span><strong>Communio\/Koinonia der Kirchen<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0\u2013 eine Gemeinschaft in vers\u00f6hnter Verschiedenheit. Der Begriff\u00a0<\/span><em>Communio<\/em><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0hat dabei mehrere Vorteile: Er ist allen christlichen Kirchen aus ihrer eigenen Tradition vertraut, er erm\u00f6glicht die positive Wertsch\u00e4tzung von Verschiedenheit als Vielfalt, und er erscheint realistischer als das Ziel einer institutionellen Einheit.<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p>Der \u00d6kumenische Rat der Kirchen (\u00d6RK) formulierte dieses Ziel 1991 in Canberra:<\/p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert; background-color: rgba(0, 0, 0, 0.2);\">\u201eDie Einheit der Kirche, zu der wir berufen sind, ist eine Koinonia, die gegeben ist und zum Ausdruck kommt im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens, in einem gemeinsamen sakramentalen Leben, in das wir durch die eine Taufe eintreten und das in der einen eucharistischen Gemeinschaft miteinander gefeiert wird, in einem gemeinsamen Leben, in dem Glieder und \u00c4mter gegenseitig anerkannt und vers\u00f6hnt sind, und in einer gemeinsamen Sendung.&#8220;<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Vorhandene Einheit als Grundlage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Trotz geschichtlicher Trennungen besteht eine\u00a0<\/span><strong>tiefe und grundlegende Einheit<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0der Kirchen: Das Band der Heiligen Schrift ist nicht zerrissen, das Bekenntnis zum dreieinigen Gott und die Taufe werden von den meisten Konfessionen anerkannt, und es gibt geistliche Gemeinschaft durch gemeinsames Gebet und Gottesdienst. Kirchengemeinschaft ist deshalb das \u201eSichtbarwerden&#8220; der in Christus schon existierenden Einheit.<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">\u00d6kumene hei\u00dft in diesem Sinne, dass sich\u00a0<\/span><strong>alle Kirchen im Dialog bekehren m\u00fcssen<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">\u00a0\u2013 im Blick darauf, was Kirche im Sinne Jesu sein soll. F\u00fcr die r\u00f6misch-katholische Kirche bedeutet das seit dem II. Vatikanum: Keine \u201eR\u00fcckkehr-\u00d6kumene&#8220; mehr, sondern ein gegenseitiger \u201eAustausch der Gaben&#8220; (Johannes Paul II.,\u00a0<\/span><em>Ut unum sint<\/em><span style=\"font-size: revert;\">).<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Meilensteine der \u00f6kumenischen Bewegung<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>1948<\/strong>&nbsp;\u2013 Gr\u00fcndung des&nbsp;<strong>\u00d6kumenischen Rates der Kirchen (\u00d6RK)<\/strong>&nbsp;in Amsterdam; heute 332 Mitgliedskirchen aus \u00fcber 100 L\u00e4ndern (ohne formelle Mitgliedschaft der r\u00f6misch-katholischen Kirche, aber mit enger Zusammenarbeit seit dem II. Vatikanum).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>1965<\/strong>&nbsp;\u2013 Einrichtung einer \u201eGemeinsamen Arbeitsgruppe&#8220; zwischen \u00d6RK und Heiligem Stuhl.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>1982<\/strong>&nbsp;\u2013&nbsp;<strong>Lima-Erkl\u00e4rung<\/strong>&nbsp;(\u201eTaufe, Eucharistie und Amt&#8220;): Konvergenzdokument, das bedeutende \u00dcbereinstimmung in bislang strittigen Fragen dokumentiert; ebenfalls die&nbsp;<em>Lima-Liturgie<\/em>&nbsp;als \u00f6kumenische Gottesdienstordnung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>1995<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00d6kumene-Enzyklika&nbsp;<strong>\u201eUt unum sint&#8220;<\/strong>&nbsp;von Papst Johannes Paul II., mit dem Aufruf zum gemeinsamen Nachdenken \u00fcber das Papstamt als Dienst an der Einheit.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Altkatholische Perspektive (nach Visser)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: revert;\">Die altkatholische \u00d6kumene versteht sich als Streben nach\u00a0<\/span><strong>kirchlicher Gemeinschaft auf der Grundlage des Glaubens und der Ordnung der ungeteilten alten Kirche<\/strong><span style=\"font-size: revert;\">. Das Modell der Utrechter Union \u2013 Abendmahlsgemeinschaft in Verbindung mit gemeinsamem Bekenntnis und Amtsstruktur \u2013 wird dabei als lebendiges Beispiel eines funktionierenden altkirchlichen Gemeinschaftsprinzips verstanden. Herausforderung bleibt die Spannung zwischen \u00f6kumenischen Fortschritten auf der Makroebene (internationaler Dialog) und der gelebten Erfahrung auf der Mikroebene (lokale Begegnung mit Christen anderer Konfessionen).<\/span>n<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quellen: Teil XIV \u2013 Kirche als Communio; Visser, \u00d6kumene und Utrechter Union (nach: Peter Neuner, \u00d6kumenische Theologie, Darmstadt 1997)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Etymologie und Bedeutungswandel Das Wort\u00a0\u00d6kumene\u00a0leitet sich vom griechischen\u00a0oikos\u00a0(Haus) ab und bezeichnete urspr\u00fcnglich \u201edie ganze von Menschen bewohnte Welt&#8220; bzw. die gesamte Menschheit (Herodot, 5. Jh. v. Chr.). Ab dem 4. Jh. v. 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