Andreas Sturm war Generalvikar im Bistum Speyer – einer der mächtigsten Kirchenmänner Deutschlands, verantwortlich für tausende Mitarbeitende und einen Millionenetat. Er galt als Hoffnungsträger, als Gesicht einer reformfähigen Kirche, der mutig Stellung bezog zu Segnungen homosexueller Paare oder zum Zölibat.

Am 13. Mai 2022 gab Sturm seinen Rücktritt als Generalvikar und seinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche bekannt. Sein Buch, erschienen im Juni 2022 bei Herder, ist die Begründung für diesen spektakulären Schritt.

Sturm beschreibt darin seinen Weg vom engagierten Priester zum resignierten Kirchenmann, der nicht mehr an Veränderung glaubt. Er blättert die bekannten Missstände auf: verschleppte Reformen, simulierte Missbrauchsaufarbeitung, institutionelle Unaufrichtigkeit, die Diskreditierung von Reformern und Reformgegnern untereinander. Besonders eindringlich ist sein Vergleich mit Co-Abhängigkeit – wer in der Kirche bleibt, stützt das System und ist mitverantwortlich dafür, dass Veränderungen ausbleiben.
Seine Entscheidung spricht Hunderttausenden aus der Seele. Sturm wechselte zur alt-katholischen Kirche, wo er heute als Priester tätig ist.
Das Buch ist keine wütende Abrechnung, sondern eine schonungslose Bilanz und ein Eingeständnis des Scheiterns – auch des persönlichen. Sturm beschreibt, wie er irgendwann das Gefühl hatte, Firmlinge zur Mitarbeit in der Kirche zu ermutigen, obwohl er selbst spürte, dass es sinnlos ist. Er musste die Kirche verlassen, um seinen Glauben zu retten und Mensch zu bleiben.
Auch mich hat dieses Buch in meinen eigenen Überlegungen gestärkt und beeinflusst. Die Frage nach der Co-Abhängigkeit, die Sturm aufwirft, ist eine, die ich mir ebenfalls stelle – und die nicht leicht zu beantworten ist.