Ein Jahr geht zu Ende. In wenigen Stunden werden wir 2025 hinter uns lassen und 2026 beginnen. Ein Zeitpunkt, an dem viele von uns innehalten – manche mit Dankbarkeit, andere mit Erleichterung, wieder andere vielleicht mit gemischten Gefühlen.
Wir haben vorhin einander Vergebung zugesprochen für das, was zwischen uns stand. Damit haben wir bereits einen wichtigen Schritt getan: Wir haben das Belastende nicht einfach ins neue Jahr mitgeschleppt, sondern es abgelegt. Nun können wir freier zurückschauen – und nach vorne blicken.
Das alte Jahr in Gottes Hände legen
Die erste Lesung hat uns an den Segen erinnert, den Aaron und seine Nachfolger über das Volk Israel sprechen sollten: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“
Dieser Segen ist mehr als eine schöne Formel. Er ist Gottes Zusage: Ich bin bei dir gewesen – und ich werde bei dir sein. Wenn wir heute auf das Jahr 2025 zurückschauen, dann sehen wir ein Jahr, das von diesem Segen getragen war. Nicht alle Tage waren leicht. Nicht alles ist so gelaufen, wie wir es uns gewünscht hätten. Aber Gott war da – auch in den schweren Stunden.
Vielleicht können wir das erst jetzt, am Ende des Jahres, wirklich erkennen. Im Moment selbst, wenn wir mitten in einer schwierigen Situation stecken, sehen wir oft nur die Dunkelheit. Erst im Rückblick können wir manchmal erkennen: Auch da war Gott bei mir. Auch da hat mich etwas getragen, das größer war als ich selbst.
Das alte Jahr in Gottes Hände zu legen, das heißt: Wir müssen nicht alles verstehen. Wir müssen nicht mit allem im Reinen sein. Wir dürfen es nehmen, wie es war – mit Licht und Schatten – und es Gott anvertrauen. Er nimmt es an. Er nimmt unseren Dank an für das Gute. Und er nimmt auch das Schwere von uns, das wir nicht länger tragen wollen.
Gleich werden wir Gelegenheit haben, das ganz konkret zu tun. Wir werden auf kleine Zettel schreiben können, wofür wir dankbar sind – und was wir loslassen möchten. Und dann werden wir zusehen, wie sich das Papier im Wasser auflöst. Ein Zeichen dafür: Gott nimmt es. Wir müssen es nicht festhalten.
Das neue Jahr mit Gottes Hilfe planen
Aber der Blick zurück ist nur die eine Seite. Die andere ist der Blick nach vorne. Das neue Jahr liegt vor uns – unbekannt, voller Möglichkeiten, vielleicht auch voller Fragen.
Jakobus warnt uns in der zweiten Lesung davor, zu selbstsicher in die Zukunft zu schauen. Er spricht von Menschen, die sagen: „Heute oder morgen werden wir in die und die Stadt reisen, dort ein Jahr bleiben, Handel treiben und Gewinne machen.“ Und er erinnert sie: Ihr wisst doch nicht, was morgen sein wird.
Das klingt zunächst ernüchternd. Aber Jakobus will uns nicht entmutigen. Er will uns erden. Er will uns daran erinnern: Wir sind nicht Herrinnen und Herren über die Zeit. Wir können planen, ja. Wir sollen sogar planen. Aber wir sollen es in Demut tun – im Bewusstsein, dass unsere Pläne vorläufig sind.
„Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder jenes tun“, schreibt Jakobus. Manche verstehen das als Fatalismus, als passives Hinnehmen. Aber das ist es nicht. Es ist vielmehr eine Einladung zu einem anderen Umgang mit der Zukunft: Plane dein Leben, aber halte deine Pläne nicht zu fest. Setze dir Ziele, aber sei bereit, sie zu korrigieren. Geh deinen Weg, aber bleibe offen für Gottes Führung.
Mit Gottes Hilfe planen – das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass Gott alles für uns erledigt. Es heißt: Wir tun unseren Teil, aber wir vertrauen darauf, dass Gott mitgeht. Wir übernehmen Verantwortung, aber wir wissen: Nicht alles liegt in unserer Hand.
Vertrauen statt Sorge
Und genau dazu lädt uns Jesus im Evangelium ein. „Sorgt euch nicht um morgen“, sagt er. „Der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“
Auch das ist leicht misszuverstehen. Jesus spricht nicht von Verantwortungslosigkeit. Er spricht nicht gegen vernünftige Vorsorge. Er spricht gegen die lähmende, verzehrende Sorge, die uns den Blick für das Heute nimmt.
Wie oft machen wir uns verrückt mit Gedanken an morgen, an nächsten Monat, ans nächste Jahr? Wie oft lassen wir uns die Gegenwart rauben durch Ängste vor einer Zukunft, die vielleicht nie eintritt?
Jesus sagt: Euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht. Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit – dann wird euch das andere dazugegeben.
Das ist keine billige Vertröstung. Das ist eine Einladung zu einem anderen Lebensstil: Lebe aus dem Vertrauen, nicht aus der Angst. Setze deine Prioritäten richtig: Was ist wirklich wichtig? Wofür willst du deine Zeit und Kraft einsetzen?
Gottes Reich suchen – das heißt im Alltag: Leben so gestalten, dass es dem entspricht, was Jesus uns vorgelebt hat. Gerecht handeln. Barmherzig sein. Für Frieden eintreten. Achtsam mit der Schöpfung umgehen. Zeit haben für die Menschen, die uns begegnen.
Ein gesegnetes Neues Jahr
Der Segen, den wir in der ersten Lesung gehört haben, gilt nicht nur für das vergangene Jahr. Er gilt auch für das kommende. „Der Herr segne dich und behüte dich“ – das ist keine Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft.
Gott wird auch im neuen Jahr bei uns sein. Nicht so, dass uns alle Schwierigkeiten erspart bleiben. Aber so, dass wir nicht allein sind. Sein Angesicht wird über uns leuchten – auch in dunklen Tagen. Er wird uns Frieden schenken – auch wenn die Welt um uns herum unfriedlich ist.
Das alte Jahr legen wir in seine Hände. Das neue Jahr empfangen wir aus seinen Händen. Und beides tun wir in der Gewissheit: Er geht mit.